Rohrbach sagt dem Übergewicht den Kampf an: Projektstart "Aktiv Xund inForm"
20% weniger Sterbefälle infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis zum Jahr 2010 gegenüber dem Jahr 2000 – so lautet Ziel Nummer 6 der zehn aktuellen oberösterreichischen Gesundheitsziele, die die oberösterreichische Gesundheitskonferenz 2006 formuliert hat. Mit Aktiv Xund inForm startet im Bezirk Rohrbach ein Pilotprojekt zur Umsetzung dieses Ziels. Erstmals wird mit diesem Projekt nicht nur nachhaltig Bewusstseinsbildung betrieben, sondern auch ganz konkret eine breite Masse Gefährdeter angesprochen und mittels konkreter Angebote unterstützt.
Gesundheitsziele
Mehr als die Hälfte aller Erwachsenen in den europäischen Mitgliedsländern ist
übergewichtig – Tendenz steigend. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich
die Prävalenz von krankhaftem Übergewicht – Adipositas – in manchen Ländern
verdreifacht. Die WHO hat deshalb im November 2006 die Charta zur Bekämpfung der
Adipositas verabschiedet.
Um die Vorgaben der WHO umzusetzen, wurden in Oberösterreich im Jahr 2000
erstmals 10 konkrete Gesundheitsziele formuliert. Im Vordergrund steht dabei
einerseits die Eindämmung der so genannten Zivilisationskrankheiten und
anderseits die Verstärkung von Krankheitsvorsorge und Gesundheitsförderung.
Nachdem ein Teil dieser Gesundheitsziele bereits vorzeitig erreicht werden
konnte, haben die OÖ Landesregierung, die OÖ Gebietskrankenkasse und die Städte
Linz und Wels im Jahr 2006 einen neuformulierten Zielekatalog beschlossen.
Dabei ging es darum, die Ziele noch höher zu stecken bzw. die bereits erreichten
Erfolge – wie etwa bei der Senkung der Sterblichkeit infolge
Herz-Kreislauf-Krankheiten – nachhaltig abzusichern.
„Wir dürfen uns auf den Erfolgen nicht ausruhen, wir müssen die
Gesundheitsvorsorge insbesondere für die Risikogruppen durch Information und
Beratung weiter voran treiben“, so Gesundheits-Landesrätin Dr. Silvia Stöger.
„Herzinfarkt, Herzschwäche oder Schlaganfall sind noch immer mit Abstand
Todesursache Nummer 1. Fast die Hälfte aller Sterbefälle geht auf
Herz-Kreislauf-Erkrankungen zurück. In Oberösterreich sind dies jährlich rund
5.600 Fälle. Die Bekämpfung dieser Krankheiten muss also weiterhin oberste
Priorität haben. “
Das neu formulierte OÖ Gesundheitsziel 6 lautet:
Bis zum Jahr 2010 sollte die Mortalität infolge von Herz-Kreislauf-Krankheiten
in der Altersgruppe unter 65 Jahre nachhaltig um mindestens 20 % gegenüber dem
Jahr 2000 zurückgehen.
Die Ärztekammer für OÖ und das IFMS haben ein Konzept zur Umsetzung dieses Ziels
eingereicht und den Auftrag zur Umsetzung erhalten.
"Am Projekt Aktiv Xund inForm – Sektorenübergreifendes
Schnittstellenmanagement im Bezirk Rohrbach“ ist besonders zu begrüßen, dass
sowohl bei der Ursachenanalyse als auch bei der Vorbeugung auf
geschlechtsspezifische Unterschiede Bedacht genommen wird. Denn die Statistiken
zeigen uns, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur fälschlicherweise als typische
Männerkrankheiten gelten. Tatsächlich sterben hingegen deutlich mehr Frauen als
Männer daran: 2005 waren in OÖ 49 % der Todesfälle bei Frauen durch
Herz-Kreislauf-Erkrankungen bedingt, bei den männlichen Gestorbenen betrug diese
Rate nur 36,7 %. Es gibt frauenspezifische Warnsignale und Risikofaktoren, die
künftig viel mehr beachtet werden müssen", betont Landesrätin Dr. Stöger.
Pilotprojekt: Rohrbach
Die Ärztinnen und Ärzte arbeiten im Bezirk Rohrbach vorbildlich zusammen,
medizinisches Schnittstellenmanagement wird hier seit Jahren praktiziert. Ein
weiterer Grund, warum gerade dieser Bezirk für das Pilotprojekt ausgewählt
wurde, ist die Tatsache, dass im Bezirk Rohrbach verschiedene Parameter auf ein
erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen hinweisen: Der Anteil der
Menschen mit erhöhtem Bodymass Index ist sehr hoch – gleichzeitig gehört die
Rohrbacher Bevölkerung zu jenen OberösterreicherInnen, die wenig Sport und
Bewegung machen.
Ob ein dicker Bauch als schön empfunden wird oder nicht, richtet sich nach dem
jeweiligen Schönheitsideal. Fest steht, dass viszerales Fettgewebe (Fettdepots
im Bauchraum und an den inneren Organen) einen entscheidenden Risikofaktor für
Herz-Kreislauferkrankungen darstellt, da es den Fett- und
Kohlenhydratstoffwechsel stark beeinflusst. Erhöhtes LDL-Cholesterin,
Insulin-Resistenz, die letztlich zum Diabetes Typ 2 führt, und ein stark
erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen sind die Folgen. Wer einen
„Bierbauch“ hat muss zwar nicht unbedingt stark übergewichtig sein, ist durch
das viszerale Fett aber einem erhöhten Risiko ausgesetzt.
Eine Änderung des Lebensstils kann dieses Risiko nachhaltig senken. Eine
wesentliche Rolle spielen hier die Ernährungsumstellung, regelmäßige körperliche
Betätigung und Gewichtsabnahme, und, allen voran, das Bewusstmachen von
kritischen Momenten und Erlernen von Bewältigungsstrategien.
Für das Pilotprojekt in Rohrbach wurden folgende Ziele formuliert:
1. Breite Bewusstseinsbildung bei der Bevölkerung
2. Gezielte Aufklärung und Intervention
3. Vernetzung bereits vorhandener Strukturen
Gemeinsam mit den örtlichen „Gesunden Gemeinden“, den Sportvereinen, dem
Herzverband und den Betrieben wird nachhaltig Bewusstseinsbildung betrieben. So
soll die Bevölkerung zum Beispiel durch Vorträge im Rahmen der „Gesunden
Gemeinde“ umfassend zu den Risikofaktoren für Übergewicht informiert werden und
so Gesundheitskompetenz und Selbstverantwortung erlangen.
Neben diesen allgemeinen bewusstseinsbildenden Maßnahmen sind im Projekt
konkrete Maßnahmen vorgesehen, um Risikopatientinnen und -patienten
herauszufiltern und ihnen durch ein Interventionsprogramm konkrete Hilfestellung
zu leisten.
Nach dem der Verdacht des metabolischen Syndroms im Rahmen einer
Vorsorgeuntersuchung bestätigt wurde, werden die RisikopatientInnen in einer
Interventionsgruppe wohnortnah über zwölf Monate durch ÄrztInnen kostenlos
geschult und betreut.
Ins Projekt eingebunden sind sowohl die niedergelassenen AllgemeinmedizinerInnen
und FachärztInnen, wie auch die Spitals- und BetriebsärztInnen. Durch das
Vernetzen der vorhandenen Strukturen werden Doppelgleisigkeiten vermieden.
FilterärztInnen: Mehr als 50 Ärztinnen im Bezirk (AllgemeinmedizinerInnen,
niedergelassene FachärztInnen, SpitalsärztInnen) stehen als „FilterärztInnen“
zur Verfügung. Sie sollen im Rahmen ihrer Patientenkontakte RisikopatientInnen
nicht nur gezielt ansprechen, wenn sie ein erhöhtes Risiko erkennen, sondern zur
Teilnahme an der Intervention motivieren. So werden RisikopatientInnen z.B. bei
einem Besuch des Augenarztes/der Augenärztin von diesem/-r auf ihr erhöhtes
Herz-Kreislauf-Risiko aufmerksam gemacht. Der Filterarzt/die Filterärztin (z.B.
Augenarzt/Augenärztin) empfiehlt die Teilnahme an einer Vorsorgeuntersuchung und
klärt über die Möglichkeit, in einer Interventionsgruppe zur gezielten
Minimierung der Risikofaktoren teilzunehmen, auf.
Vorsorgeuntersuchung: Der Filterarzt/die Filterärztin empfiehlt seinen
RisikopatientInnen eine Vorsorgeuntersuchung, bei der geklärt wird, ob die
Voraussetzungen zur Teilnahme in einer Interventionsgruppe erfüllt werden.
Interventionsgruppe: Mit dem ausgefüllten Erhebungsblatt oder dem
Gesundheitspass (letzte Vorsorgeuntersuchung nicht älter als 11 Monate) kann der
Patient/die Patientin in eine Interventionsgruppe aufgenommen werden. Die
InterventionsärztInnen sind speziell geschult in den Bereichen Ernährung, Sport
und Psychologie. In der Interventionsgruppe arbeiten sie gemeinsam mit den
PatientInnen daran, Risikofaktoren zu erkennen und die Ursachen für ihr Ess- und
Bewegungsverhalten zu analysieren und folglich nachhaltig positiv zu verändern
und vor allem, so genannte Coping-Methoden zu erlernen: In Stress- oder
Frustsituationen soll der erste Weg nicht der zum Kühlschrank oder zur
Süßigkeiten-Lade sein, sondern die Anwendung der erlernten
Bewältigungsstrategien. Das Besondere an diesem Projekt ist die Frage nach dem
„WARUM“. Es wird nicht die Wirkung (= Übergewicht) sondern die Ursache
genderspezifisch analysiert und bekämpft, denn Frauen und Männer haben
unterschiedliche Beweggründe für Ihr Ess- und Bewegungsmuster.
Teilnehmen kann jede Rohrbacherin und jeder Rohrbacher zwischen 18 und 65
Jahren.
„Erstmals werden in diesem Pilotprojekt vorhandene Strukturen vernetzt.
Risikopatienten und -patientinnen erhalten nicht nur allgemeine Informationen,
sondern wohnortnahe professionelle Hilfe, um ihr Risikoverhalten nachhaltig zu
ändern und so gesünder zu werden“, sagt Primar Dr. Anton Ebner.
Das Konzept für das Pilotprojekt wurde in einjähriger Vorarbeit interdisziplinär
von MedizinerInnen, SoziologInnen und ErnährungswissenschaftlerInnen
ausgearbeitet und beruht auf dem letzten Stand der Wissenschaft. Die Ergebnisse
werden vom Institut für Soziologie der Johannes Kepler Universität evaluiert.
Sind die Evaluierungsergebnisse zufrieden stellend, so ist eine landesweite
Umsetzung des Programms vorstellbar.
„Ihr Traumgewicht in zehn Tagen – ganz ohne hungern!“ – Rund um das Abnehmen
gibt es viele unseriöse Anbieter, die den Betroffenen oft nur Geld aus der
Tasche ziehen wollen. Für Laien ist es leider nicht immer ersichtlich, welche
Programme tatsächlich professionell sind. Das Projekt Aktiv Xund inForm
– Sektorenübergreifendes Schnittstellenmanagement im Bezirk Rohrbach“ wird
von allen AkteurInnen des Gesundheitswesens getragen und musste vielen Prüfungen
standhalten.
„Als Grundregel kann gelten: Nehmen Sie Abstand von Programmen ohne
ärztlicher Begleitung und Voruntersuchung“, warnt Prim. Dr. Ebner,
„Wunderdiäten, die einen schnellen Gewichtsverlust versprechen, führen oft nur
zum bekannten Jojo-Effekt.“